Textatelier
BLOG vom: 21.10.2006

Im Fegefeuer des Alltags: Von allerlei IT-Kalamitäten

Autor: Emil Baschnonga, London
 
Das elektronische Fegefeuer wird wacker geschürt und erhitzt sich mehr und mehr. Es hat nichts mit der Theologie zu tun, sondern bezieht sich auf Dinge, die unserer Lebensfreude abträglich sind.
 
Die Welt dreht sich nicht um unsere eigene Achse. „The axes of evil“ (die „Achse des Bösen“) nennt sie der gottesfürchtige George W. Bush. Hier halte ich mich abseits solcher Schindluder-Politik.
 
Aber sind es die Achsen des Bösen, die uns heimsuchen? Ich möchte hier das Böse abschwächen mit dem sanfteren Begriff: Ärgerquellen, die unseren Missmut anstacheln. Diese sprudeln heute aus allen Richtungen auf uns ein, wie wir uns auch drehen und wenden mögen. Der wohlfeile Ausspruch „Mensch ärgere dich nicht!“ bringt keine dieser Quellen zum Versiegen. Eben so wirkungslos ist der Hinweis: „Lachen ist die beste Medizin“, besonders dann, wenn es nichts zum Lachen gibt.
 
Des einen Freud’ ist des anderen Ärger. Diese Tatsache verknäuelt mein Thema, das ich heute angehen möchte. Den Anfang des langen Fadens finde ich in den 2 Buchstaben: IT (Information Technology) im weitesten Sinn.
 
Telefonitis
Angenommen, wir sind in ein ernsthaftes Gespräch geschäftlicher Art verwickelt, das wir gut vorbereitet haben. Dabei ist eine Tasse Kaffee als Auftakt immer willkommen. Kaum ist der Zucker verrührt und das Gespräch kommt in Schwung, klingelt das Telefon. Unser Gegenüber ist vollkommen abgelenkt. „Das kommt nicht in Frage“, wettert er aufgebracht. Seine gute Stimmung ist verpfuscht, wiewohl er sich zu einem Lächeln zwingt. Ich merke, er hört nur noch mit einem halben Ohr zu, als es schon wieder klingelt. Hoffentlich ist es diesmal eine gute Nachricht, hoffe ich. Leider nicht. Einst blieben solche telefonische Überfälle auf eine Landlinie beschränkt. Ein wohlerzogener Mensch tat früher seinem Gegenüber die Ehre an, das Telefon während eines Treffens stillzulegen. Tat er dies nicht, wusste man, dass er nicht sonderlich am Gespräch interessiert war und empfahl sich entsprechend rasch, ohne die Tasse Kaffee ausgetrunken zu haben.
 
Heute hat sich die Handy-Seuche derart ausgebreitet, dass jeder Gesprächsansatz zwischen Personen „in natura“ zum vornherein unterbunden ist – es sei denn, als Konversationspartner mit dem Handy zur Hand am anderen Ende des Sphärenkabels.
 
Zu viel getextet, zu wenig gedichtet
Nicht „gedichtet“, sondern „abgedichtet“ will ich gegen die Wortblasen sagen, die sich die Leute wie Ping-Pong-Bälle zuspielen. Dagegen bin ich gefeit: Ich weiss nicht einmal, wie man textet. Stattdessen schreibe ich. Ich habe also wirklich keinen Grund zur Klage.
 
Die E-Mail Schwemme
Übers Wochenende lege ich den Computer gern lahm. Am Montag rufe ich meine E-Mails ab und werde von „Spam“ bombardiert. Mein rechter Zeigefinger drückt laufend die „Delete“-Taste. Dabei entrutscht mir eine wichtige Mitteilung, die ich dann wieder aus dem voll gestopften Papierkorb herausfischen muss. Wer sich dabei nicht ärgert, dem ist nicht zu helfen. Auch wer sich ärgert, dem ist nicht geholfen. Nur keines anklicken! Der beste Virenfilter ist machtlos gegen neue Virenmutationen.
 
www. = wer was wissen will
3 w genügen mir, um über das Internet an die Datei zu gelangen (oder auch nicht). Das 4. w flunkert lästig dazwischen, flattert oder geistert immer mehr und unaufgefordert über den Bildschirm und verdeckt mir den Text, den ich lesen möchte. Es spukt auch sonst vieles im www. herum: etwa animierte Bildchen, die stören und ablenken. Also lösche ich solche „beflügelte“ www. als sss. = Seich,  3× und laut ausgesprochen. Ich bin froh, dass es noch seriöse www. gibt, auf die ich mich verlassen kann. Die Besten speichere ich unter „Bookmarks“, worunter in 1. Linie das www.textatelier.com
 
Gadgets
Mir fehlt das treffende deutsche Wort dafür, so umschreibe ich „gadget“ mehr schlecht als recht mit elektronischem Spielzeug. Am laufenden Band kommen neue „gadgets“ auf den Markt, die „man haben muss!“ (absoluter Imperativ), worunter iPods, die sich bis zum Bersten aufladen lassen. Neuerdings lassen sich die BBC-Fernsehnachrichten übers Handy abrufen. Eben heute wurde gewarnt: Bitte nicht beim Autofahren anschauen! Wollen Sie ein Kreuzworträtsel lösen? Schach spielen? Im Auto zum rechten Ort kommen? Sie brauchen dazu weder ihren eigenen Kopf noch eine Karte. Ein Knopfdruck genügt. Manchmal kommt es vor, dass ich nicht mehr weiss, wo ich mein Auto parkiert habe. Vielleicht gibt es zur Lösung dieses Problems bereits das geeignete „gadget“. Dieses muss ich unbedingt haben! Ist „Skype“ – das Gratistelefon, das über den Computer zugänglich ist, ein „gadget“ oder nicht?
 
Jetzt sind wir wieder bei der Telefonitis angelangt. Mein Kollege hat seit 4 Monaten darauf bestanden, dass ich „Skype“ einrichte, erst noch mit einer Kamera verbunden. Jetzt ist es bei mir eingerichtet. Nur wenn es etwas Dringendes ausführlich zu besprechen gilt, werde ich es anschalten. Das geschieht nicht alle Tage. So kann ich das Kabel aus dem UBS-Stecker zupfen und erhalte mir meine Seelenruhe. Wenn ein Anruf etwas kostet, übt man sich in Kürze, was von Nutzen ist. Jetzt bekomme ich von meinem Kollegen sogar einen normalen Anruf „bitte ,Skype' anschalten.“ Kürzer hätte er es nicht sagen können. Wäre ich „Firlefanz“ (siehe unter Glanzpunkte), würde ich ein „gadget“ erfinden, das die Telefonitis kuriert.
 
Immerhin habe ich mich um meine eigene Achse gedreht und bin wieder ganz zufrieden.
 
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